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Abschlussbericht zur Geräuschbelastung durch Windenergieanlagen

Wissenschaftler haben die stresspsychologischen und akustischen Auswirkungen von Windenergieanlagen untersucht. Es ist die erste systematische Studie zur Lärmbelastung ihrer Art. Die Geräusche von Windparks sollen demnach Anwohner deutlich weniger stören als häufig angenommen. Jetzt liegt der Abschlussbericht des von der Deutschen Umweltstiftung geförderten Forschungsprojekts vor. Er wirft vor allem weitere technisch-physikalische Forschungsfragen auf.

Windenergieanlagen gelten als häufige und lästige Lärmquellen. Sie sollen rauschen, fauchen und viele Anwohner von Windparks um ihren Schlaf bringen. Weil das Lärmempfinden subjektiv ist, haben Wissenschaftler der Arbeitsgruppe Umweltpsychologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU) einen Langzeit-Feldversuch gestartet. Über einen Zeitraum von mehr als zwei Jahren haben sie rund 200 Anwohner eines Windparks im niedersächsischen Wilstedt wiederholt befragt, zu welchen Zeiten, ob und wie sich der Windpark auf ihren Alltag, ihren Schlaf und andere körperliche und psychische Bereiche auswirkt. Parallel dazu haben Akustiker des Deutschen Windenergie-Instituts (DEWI) untersucht, wie sich die Geräuschwahrnehmung physikalisch erklären lassen und ob sie durch technische Veränderungen positiv beeinflussbar sind. Auf diese Weise wurden die Zusammenhänge zwischen Windenergieanlagengeräuschen und der gefühlten Beeinträchtigung differenziert empirisch beschrieben. Die Ergebnisse wurden in einem Expertenworkshop im vergangenen Juni kritisch diskutiert. Jetzt liegt der Abschlussbericht vor.

Die große Mehrheit der Wilstedter Studienteilnehmer habe sich durch die benachbarten Windenergieanlagen nicht in ihrer Lebensqualität beeinträchtigt gefühlt.

Schall ist mehrheitlich keine Geräuschbelastung

Als Lärmquelle seien die Windenergieanlagen mit Verkehrsgeräuschen vergleichbar, stellt die Studie fest. Im Verhältnis zu landwirtschaftlichen Fahrzeugen mit Ballonreifen, die durch den Ort fahren, seien sie wesentlich leiser. Die Stressbeschwerden von 16 Prozent der befragten Anwohner des ortsnah gelegenen Windparks gehen auf den Verkehrslärm zurück. „Dagegen gaben lediglich zehn Prozent der Befragten an, durch die Geräusche des Windparks stark belästigt zu werden”, sagt Dr. Johannes Pohl. Die große Mehrheit der Wilstedter Studienteilnehmer habe sich durch die benachbarten Windenergieanlagen nicht in ihrer Lebensqualität beeinträchtigt gefühlt. Im Laufe des Untersuchungszeitraums habe sogar die Zahl der Personen abgenommen, die sich durch die Geräusche des Windparks belästigt fühlten. Gegen Ende der Untersuchung waren es nur noch sieben Prozent, die wegen der Windenergieanlagen unter geräuschbedingten Stressbeschwerden wie Schlafproblemen oder Ärger und Gereiztheit litten.

Die empirischen Ergebnisse tragen zur Versachlichung der Diskussion um die Auswirkungen von Windenergieanlagen bei, so die Forscher. „Dieser kleine Prozentsatz zeigt uns, dass die Betriebsgeräusche insgesamt ein eher geringes Problem sind“, hatte Forschungsleiterin Gundula Hübner beim Expertenworkshop erklärt. Dennoch dürfe das Forschungsergebnis nicht von der grundsätzlichen Problematik ablenken. Für die Kritiker der Windenergie ist diese Feststellung wichtig. Denn schließlich wirft das Forschungsergebnis zwei zentrale Fragen auf: Können die als störend empfundenen Geräusche physikalisch erklärt werden? Und warum fühlen sich manche Menschen mehr und andere weniger belästigt?

Messungen werfen weiteren technisch-physikalischen Forschungsbedarf auf

Diesen Fragen sind die Umweltpsychologen in Zusammenarbeit mit den Akustikern nachgegangen und konnten im Laufe ihrer Untersuchungen besondere Bedingungen ausmachen, unter denen Geräuschimmissionen als belastend wahrgenommen werden. Sie sind dabei auf ein spezielles akustisches Phänomen, die sogenannte Amplitudenmodulation, aufmerksam geworden. Als pulsierendes Rauschen beschrieben, wurden die kurzzeitig auftretenden Schwankungen im Schallpegel als besonders störend empfunden. „Diese Geräusche werden als besonders störend erlebt, weil ihre Unregelmäßigkeit Aufmerksamkeit auf sich zieht”, erklärt Pohl das Phänomen. Warum das Phänomen auftritt und wie es gemindert werden kann, konnten technische Lösungsansätze wie veränderte Betriebsmodi nicht klären. Über Ursache und Minderung dieses Hörereignisses besteht weiterer Forschungsbedarf, lautet das Resümee der Wissenschaftler. Dafür sei jedoch eine breitere Datenbasis nötig. Es müsste eine Langzeitmessstation entwickelt und eingesetzt werden, die kontinuierliche Schallprotokolle erstellt. Parallel dazu sollten die Anlagendaten und das Windgeschwindigkeitsprofil (LIDAR) hoch aufgelöst erfasst werden, um die Entstehungsmechanismen der Amplitudenmodulation besser verstehen und erklären zu können. Erst aus der Zusammenschau von meteorologischen, anlagentechnischen und akustischen Daten könnten belastbare Erkenntnisse und mögliche Minderungskonzepte abgeleitet werden.

Frühzeitige Beteiligung fördert Akzeptanz

Nicht bestätigen konnten die Wissenschaftler den in aktuellen Diskussionen häufig angeführten Zusammenhang zwischen der Beeinträchtigung durch Windenergieanlagen und dem Abstand zum Wohngebiet: Die Nähe der eigenen Wohnung zum Windpark hat der Studie zufolge offenbar keinen größeren Einfluss auf die Wahrnehmung der Anwohner. Das deute darauf hin, dass die bestehenden Immissionsschutzrichtlinien für die Planung und Errichtung von Windenergieanlagen wirksam sind. Den anhaltenden Stress, den eine Minderheit der befragten Anwohner in der Nähe des Windparks empfindet, resultiert den Umweltpsychologen zufolge aus sogenannten moderierenden Faktoren. Wer einer Lärmquelle grundsätzlich aufgeschlossen begegnet, stört sich weniger daran. Die stresspsychologische Langzeitbeobachtung zeigt einen engen Zusammenhang zwischen der Unzufriedenheit mit dem Windpark und der erlebten Belastung während der Genehmigungs- und Bauphase auf. Die Wissenschaftler schreiben deshalb den Vorhabenträgern die frühzeitige Einbindung der Betroffenen in die Windenergieplanungen ins Pflichtenheft. Auf diese Weise lasse sich präventiv die Wahrscheinlichkeit für Beschwerden nach der Errichtung des Windparks verringern.

Der Abschlussbericht „Untersuchung der Beeinträchtigung von Anwohnern durch Geräuschemissionen von Windenergieanlagen und Ableitung übertragbarer Interventionsstrategien zur Verminderung dieser“ steht als Download in der Bibliothek des EnergieDialog.NRW zur Verfügung.

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