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Akzeptanz: Anwohner können Windenergieanlage per SMS abschalten

 

Im Bürgerwindpark Dumte lassen sich die beiden Windenergieanlagen per SMS abschalten, wenn sich Anwohner im Umkreis durch den Schattenwurf gestört fühlen. Die in Eigenregie entwickelte Lösung dürfte bislang einmalig sein. Sie bietet den Betreibern mehr Flexibilität und schafft zugleich in der Nachbarschaft ein Plus an Akzeptanz.

Im Mai erhielten die Anwohner im Umkreis des kleinen Bürgerwindparks Dumte Post. Vor wenigen Monaten erst, Ende des Jahres 2014, waren die beiden neuen Windenergieanlagen ans Netz gegangen. Knapp 150 Meter sind sie hoch. Ihre rotierenden Flügel können – je nach jahreszeitlichem Sonnenstand und Wetterlage – noch zwei Kilometer weit entfernt bewegte Schatten werfen. Ein unsteter Effekt, der von Betroffenen als störend empfunden werden kann. Deshalb ist die Schattenwurfdauer gesetzlich geregelt: Laut Bundesimmissionsschutzgesetz darf die Beeinträchtigung 30 Minuten täglich und 30 Stunden im Jahr nicht überschreiten. Soll eine Windenergieanlage in der Nähe von Wohnbebauung entstehen, muss erst berechnet werden, wann im Jahr ein Haus oder Hof im Umfeld der geplanten Anlage im Schlagschatten der Rotoren liegt und wie lange. Die Schlagschattenberechnung dient der Genehmigungsbehörde zur Entscheidung, ob über sensorgesteuerte Abschaltzeiten ein unerwünschter Schattenwurf verhindert werden kann.

„Null-Minuten-Schatten“-Vereinbarung im Kreis Steinfurt
Der münsterländische Kreis Steinfurt geht sogar noch weiter. Hier, wo auch der neue Mini-Windpark Dumte liegt und der Ausbau der Windenergienutzung erklärtes Klimaziel ist, wird von den Windenergieanlagenbetreibern bei der immissionsschutzfachlichen Genehmigung eine Null-Schatten-Erklärung auf kooperativer Basis erwartet: Sie verzichten mit der Vereinbarung freiwillig auf die volle Ausnutzung der zulässigen Beschattungsdauer und schalten die Anlagen ab, sobald die Rotoren auf eine Wohnfläche im Umkreis Schatten werfen. Eine gelebte Praxis, heißt es bei der Servicestelle Windenergie der Kreisverwaltung, die den hohen Stellenwert des Themas Akzeptanz verdeutliche.

Für die beiden Bürger-Windenergieanlagen in Dumte hätte die Null-Schatten-Vereinbarung allerdings zur Folge, dass die Anlagen der Schlagschattenkartierung entsprechend 150 Stunden im Jahr stillstehen. „Der daraus resultierende Ertragsverlust für den Windpark läge bei rund 15.000 Euro im Jahr“, rechnet Josef Große Kleimann vor. Der Steinfurter Landwirt ist Geschäftsführer der Windkraft Dumte GmbH & Co. KG, die mit 54 Anteilseignern aus der Umgebung die beiden Anlagen betreibt.

Pionier-Lösung per Funksteuerung
Starre Stillstandzeiten, vor allem zu Zeiten, wenn die Bewohner nicht zu Hause sind, müssten aber doch gar nicht sein, fand der Landwirt und entwickelte in eigener Initiative eine bislang in der Windbranche wohl einmalige Lösung, die Betreiber- und Anwohnerinteressen zusammenbringt: Jeder, der sich bei Sonnenschein vom Schattenwurf der Anlagen gestört fühlt, kann die entsprechende Anlage mit einem Code, der per SMS vom eigenen Mobiltelefon an die Anlage gesendet wird, für maximal 40 Minuten eigenmächtig stilllegen. „Wir sind als Betreiber mit dieser Lösung viel flexibler und zugleich schaffen wir Akzeptanz, weil wir die Betroffenen einbeziehen“, erklärt Große Kleimann den Mehrwert.

In ihrem Brief, den die Windparkbetreiber an mehr als 150 Nachbarn im Schattenwurfradius rund um die Anlagen im Mai versandten, informierten sie über das Angebot, teilten den notwendigen Code samt der Handynummer mit und baten die Anwohner, von der Möglichkeit auch tatsächlich Gebrauch zu machen. „Es soll keiner überstrapaziert werden oder Erklärungen abgeben müssen“, schrieben sie. Genutzt haben das Angebot bislang nur wenige. „Seitdem das System läuft, wurde die Abschaltung nur selten von den Nachbarn ausgelöst“, berichtet Große Kleimann. „90 Prozent der Abschaltungen waren Demonstrationszwecke.“

Missbrauch fürchtet der umtriebige Landwirt auch künftig nicht. Das mag daran liegen, dass sich bei einer SMS die Rufnummer des Absenders nicht unterdrücken lässt. Auch wenn die Absender-Daten, die auf der Anlage auflaufen, vertraulich bleiben: „Hier auf dem Land kennt jeder jeden, da spielt die soziale Kontrolle eine große Rolle“, sagt Große Kleimann. Ausschlaggebender sei aber viel eher die psychologische Wirkung dieser Abschaltlösung, ist der Windpark-Geschäftsführer überzeugt. „Allein die Macht zu haben, die Anlage im Falle des Falles stilllegen zu können, hat zur Folge: Wer sich nicht gestört fühlt, stellt auch nicht ab.“

SMS-Abschaltangebot bringt Betreiber und Anwohner zusammen
In der Branche hat sich die Pionier-Idee schon herumgesprochen. Abgeleitet hat sie der Landwirt, der vor Jahren eine Diplomarbeit im Fachbereich Agrarwissenschaften über die landwirtschaftliche Windenergienutzung geschrieben hat, aus der Fernsteuerung einer Flüssigfutteranlage. Kernstück der in eigener Regie entwickelten technischen Lösung ist ein GSM-Scout mit einer SIM-Karte, wie sie sich in jedem herkömmlichen Mobiltelefon befindet. Er sitzt im Steuerschrank der Windenergieanlage. Empfängt er eine SMS mit dem entsprechenden Code für die jeweilige Anlage, werden die Fotozellen, die die Intensität des Sonnenscheins prüfen, aktiviert. Ab einem definierten Wert wird dann ein Steuerungsrelais angestoßen, das für die gewünschte Dauer die Anlage abregelt.
Das System, das der erfinderische Landwirt und Windpark-Geschäftsführer bei einer Veranstaltung der EnergieAgentur.NRW jüngst vorgestellt hat, ist nicht durch Patente geschützt und kann frei nachgebaut werden. Wie es sich in der Praxis bewährt, wird die Zukunft zeigen. „Noch sind wir in der Experimentierphase“, sagt Große Kleimann. Die sechs Gesellschafter und 54 Anteilseigner, die selbst im Umkreis der Anlagen wohnen, unterstützen das Projekt. Schließlich leisten die beiden Anlagen einen nicht unerheblichen Beitrag zum Klimaschutz in der Region: Zusammen speisen sie jährlich knapp 16.000 Megawattstunden Strom ins Netz ein.

 

Foto: Viktor Mildenberger/pixelio.de

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