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„2015“ – Das Jahr der Rekorde

2015 war mit den Beschlüssen der Pariser Klimakonferenz nicht nur ein besonderes Jahr für den Klimaschutz, es war auch ein Jahr der Rekorde für die Erneuerbaren Energien, die mit einem Anteil von 32,5 Prozent am Stromverbrauch zum größten Produzenten aufstiegen. Aber ein Blick in die Statistiken zeigt auch, dass die Energiewende derzeit nicht frei von Widersprüchen ist. So sind gleichzeitig die gesamten energiebedingten CO2-Emissionen leicht angestiegen. Wie also ist das Energiewende-Jahr 2015 zu bewerten?

Fachbeitrag von Judith Litzenburger, Johannes Schindler und Simon Trockel, EnergieAgentur.NRW

Stromproduktion
Die Produktion von Strom aus Erneuerbaren Energien wuchs im Vergleich zum Vorjahr um 31,6 Terrawattstunden (TWh) bzw. 5 Prozent auf 194,1 TWh. Das zeigt eine aktuelle Auswertung der Agora Energiewende. Seit 1990 hat sich die regenerative Stromproduktion damit fast verzehnfacht. Am 23. August 2015 erreichten die Erneuerbaren Energien ein Allzeithoch und deckten zeitweise 83 Prozent der Stromnachfrage. Verantwortlich für die Entwicklung war dabei vor allem der starke Ausbau der Windenergie, sowohl an Land (plus 22 TWh) als auch auf See (plus 6,7 TWh). Insgesamt stieg die Windstromproduktion um 50 Prozent gegenüber dem Vorjahr, was nicht zuletzt auch an einem verhältnismäßig guten Windjahr lag.

Da 2015 außerdem ein sonnenreiches Jahr war, stieg auch die Stromproduktion aus Photovoltaik um 2,4 TWh auf insgesamt 38,5 TWh. Strom aus Biomasse entwickelte sich hingegen nur leicht auf insgesamt 49,9 TWh. Die Wasserkraft blieb mit 19,5 TWh etwa auf dem konstanten Niveau der Vorjahre. Zusammen trugen die Erneuerbaren Energien damit 32,5 Prozent zur Stromversorgung bei. Damit ließen sie sowohl Braunkohle (24 Prozent) als auch Steinkohle (18 Prozent), Kernenergie (14 Prozent) und Erdgas (9 Prozent) deutlich hinter sich.

Strommarkt
Diese Ausbaudynamik der dezentralen Erneuerbaren Energien in einem auf Zentralität ausgerichteten Strommarktdesign ist nicht ohne Folgen. Der wachsende Anteil fluktuierender, also wetterabhängiger Stromeinspeisung, stellt den Markt vor eine Reihe von Herausforderungen. Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie hat sich nicht zuletzt deshalb dazu entschieden, den Strommarkt umzugestalten. In einem Konsultationsprozess, der im Frühjahr 2015 mit dem Grünbuch begann, im Sommer mit dem Weißbuch fortgeführt wurde und im Herbst in den Kabinettsbeschluss zum Strommarktgesetz mündete, hat die Bundesregierung die Leitplanken gesetzt, wie sich der Strommarkt in Zukunft entwickeln soll. Drei Pfeiler sollen die Brücke ins regenerative Zeitalter tragen: Die Refinanzierung von Kraftwerken über Knappheitspreise, die Flexibilisierung des Gesamtsystems als Reaktion auf die zunehmende Unstetigkeit der Einspeisung von Wind- und Sonnenstrom und schließlich die Absicherung zur Aufrechterhaltung von Versorgungssicherheit und der Stabilität der Netze über eine Kapazitätsreserve.

Strombörse
Das Jahr 2015 hat gezeigt: Eine fortschreitende Energiewende stellt unterschiedliche Mechanismen des Strommarktes vor bisher unbekannte Probleme. Dies betrifft unter anderem den Preisverfall an der Strombörse. Dort werden immer die Kraftwerke bevorzugt berücksichtigt, die die geringsten Grenzkosten, also Kosten für Brennstoff und laufenden Betrieb, aufweisen. Man spricht hier vom sogenannten Merit Order Effekt. Da Solar- und Windenergieanlagen ohne Rohstoffeinsatz Energie liefern, verdrängen sie fossile Kraftwerke, deren Grenzkosten maßgeblich von den Brennstoffen abhängen.

Je mehr Erneuerbare Energien an der Börse gehandelt werden, desto stärker verschiebt sich die Preiskurve in Richtung null. Das führt zu zwei Effekten: Zunächst bewirkt es, dass die EEG-Umlage steigt. Sie gleicht nämlich die Differenz zwischen der gesetzlich garantierten Einspeisevergütung und dem Börsenstrompreis aus. Gleichzeitig können fossile Kraftwerke so in den ohnehin schon zurückgehenden Einsatzzeiten nur geringere Gewinne erzielen. Bisher verdrängen die Erneuerbaren Energien aber vor allem flexible Gaskraftwerke aus dem Markt, weil diese die höchsten Brennstoff- und damit Grenzkosten haben. Die Stromproduktion aus Kohle stagnierte hingegen im letzten Jahr mit 118 TWh (Steinkohle) und 155 TWh (Braunkohle) annähernd auf Vorjahresniveau. Die Folge sind wachsende Überkapazitäten, die wiederum Einfluss auf die Preise an den Strombörsen haben. In 2015 ist der für die Strombeschaffung relevante Preis für eine Stromlieferung im Folgejahr, der sogenannte 1-Jahres-Future, kontinuierlich gesunken. Sein Mittelwert lag bei rund 31 Euro je Megawattstunde (€/MWh). Dies entspricht einem Preisrückgang von knapp 12 Prozent. Die Spotmarktpreise an der Börse verringerten sich wiederum um 3,40 €/MWh auf durchschnittlich 31,60 €/MWh. An insgesamt 126 Stunden des vergangenen Jahres waren die Strompreise am Spotmarkt der Börse sogar negativ. Das entspricht 1,4 Prozent der Jahresstunden und bedeutet nahezu eine Verdopplung gegenüber 2014. Negative Preise entstehen bei einem Stromüberangebot an der Strombörse. In solchen Zeiten kann es für die Produzenten volkswirtschaftlich günstiger sein, den Verbrauchern die Stromabnahme zu bezahlen, wenn das An- und Abfahren der Anlagen im Vergleich dazu teurer wäre. Negative Preise werden auf eine bisher unzureichende flexible Reaktion der Stromabnehmer und der konventionellen Kraftwerke auf die schwankende Einspeisung Erneuerbarer Energien zurückgeführt.

Im letzten Jahr gab es sieben Mal die Situation, dass sechs Stunden oder länger ununterbrochen negative Strompreise auftraten. Für die Betreiber Erneuerbarer Energie-Anlagen hat das direkte Konsequenzen: Denn für diese Zeiträume dauerhaft negativer Preise erlischt ihr Anspruch auf Vergütung nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG).

Allerdings zeigt sich am Beispiel der negativen Strompreise bei genauer Betrachtung auch die zunehmende Flexibilisierung des Systems: Mit den wachsenden Zeitspannen negativer Strompreise ist zugleich das Niveau der durchschnittlichen Negativpreise von 60,51 €/MWh in 2012 und 15,55 €/MWh in 2014 auf 9 €/MWh im vergangenen Jahr gesunken. Dadurch werden wiederum die Auswirkungen der negativen Strompreise, also insbesondere die steigende EEG-Umlage, abgemildert.

Bei einem weiter wachsenden Anteil Erneuerbarer Energien im Stromsystem können sich perspektivisch neue Geschäftsmodelle für die Flexibilisierung auf Angebots- und Bedarfsseite entwickeln. So gibt es beispielsweise erste Feldversuche, Strom aus Windenergieanlagen nicht an der Börse zu vermarkten, sondern am sogenannten Regelenergiemarkt als Reserve zur Verfügung zu stellen, um so die Schwankungen im Stromnetz ausgleichen zu können. Der ökonomische Druck, der derzeit auf dem Energiesystem lastet, wird solche Geschäftsfelder anreizen, so die Überzeugung im Bundeswirtschaftsministerium.

Einspeisemanagement
Auch bezogen auf die Netzstabilität hat der wachsende Anteil Erneuerbarer Energien die Herausforderungen erhöht. Zwar liegen für das Jahr 2015 mit Blick auf die notwendigen Stabilisierungsmaßnahmen noch keine endgültigen Zahlen vor, aber laut Monitoringbericht 2015 der Bundesnetzagentur setzte sich der Trend der vergangenen Jahre fort: So nahmen die kurzfristigen Eingriffe der Netzbetreiber in die Fahrweise regenerativer Kraftwerken zur Stabilisierung der Netzfrequenz – zumindest im ersten Quartal 2015 – weiter zu. Im Rahmen dieses sogenannten Einspeisemanagements kommt es insbesondere in Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und in Teilen Niedersachsens mittlerweile häufiger zu kompletten Abregelungen von Windenergieanlagen, um kritische Situation in einzelnen Netzabschnitten abzuwenden. Entsprechend stieg auch im zurückliegenden Jahr die Höhe der fälligen Entschädigungszahlungen an die Anlagenbetreiber, die letztlich über die Netzentgelte auf die Stromkunden umgelegt werden. Eine Trendumkehr könnte hier mit den geplanten Netzoptimierungs- und vor allem Netzausausbaumaßnahmen erreicht werden.

Stromexporte
Eine weitere Entwicklung zeigt, dass die starke Einspeisung von fluktuierenden Erneuerbaren Energien die Märkte verändert. Insgesamt wurde in Deutschland nach den Erhebungen der Agora Energiewende im Jahr 2015 mit 647,1 TWh mehr Strom produziert als jemals zuvor. Da wiederum die Stromnachfrage in Deutschland nur um fünf Terrawattstunden zulegte, stieg parallel der Stromexport gemessen an den Handelsflüssen um 50 Prozent an. So wurden per Saldo 60,9 TWh Strom aus Deutschland an die Nachbarländer – insbesondere Österreich, die Niederlande, Frankreich und die Schweiz – verkauft. Das macht etwa 10 Prozent des deutschlandweit erzeugten Stroms aus. Der Grund für diese Entwicklung liegt in den bereits beschriebenen Überkapazitäten und den entsprechend niedrigen Börsenstrompreisen im europäischen Vergleich.

Aus einer weiteren aktuellen Analyse des Fraunhofer ISE geht hervor, dass der Wert des exportierten Stroms (3,57 Mrd. Euro) den des importierten Stroms (1,50 Mrd. Euro) deutlich übersteigt. Im Saldo ergeben sich aus dem Exportüberschuss Einnahmen im Wert von 2,07 Mrd. Euro. Auch dieser Außenhandelsbilanzüberschuss stellt einen neuen Rekord dar. Die durchschnittlichen Preise für die Einfuhr (42,23 €/MWh) und die Ausfuhr (42,12 €/MWh) des Stroms hielten sich die Waage. Die häufig geäußerte Kritik, Deutschland „verschenke“ seinen überschüssigen Strom aus Erneuerbaren Energien ins Ausland, ist auf Grundlage dieser Daten für das Jahr 2015 unzutreffend.

Klimaschutz
Die vorhandenen Überkapazitäten dürften dazu beitragen, dass, obwohl die Erneuerbaren immer größere Anteile des Strommixes abdecken, die CO2-Emissionen insgesamt sogar leicht gestiegen sind. Wetter und Konjunktur haben unbestritten einen Einfluss auf die Entwicklung der Treibhausgasemissionen. Doch die Debatte um die Erreichung der Klimaschutzziele und der politische Beschluss einer Sicherheitsbereitschaft für Braunkohlekraftwerke zeigen, dass 2016 auch die Diskussion eines deutlicheren Emissionsminderungsbeitrags der Energieversorgung weiter geführt werden wird. Die Frage nach dem Ausstiegspfad ist im Jahr nach Paris nicht nur eine Frage des Klimaschutzes, sondern auch der dafür passenden Marktmechanismen.

Bildnachweis: Rainer Sturm/pixelio.de

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