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Kommunale Klimaschutz- und Energiekonzepte – Integrierte Lösungsansätze als Erfolgsbaustein

Die münsterländische Gemeinde Saerbeck zeichnet sich bereits seit vielen Jahren durch ihr Engagement in Sachen Energiewende, Klimaschutz und Klimaanpassung aus und wurde unter anderem mit dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis ausgezeichnet. Die damit verbundenen Herausforderungen verdichten sich in nicht unbeträchtlicher Weise auf kommunaler Ebene. In der Praxis haben sich regionale und kommunale Klimaschutz- und Energiekonzepte als Instrumente etabliert, um eine strategische Vorgehensweise zu ermöglichen und um für die jeweilige Situation vor Ort passgenaue Maßnahmen zu identifizieren.

Fachbeitrag von Dipl.-Ing. Sascha Schulz, EnergieAgentur.NRW

Hierzu wird ein ganzheitlicher, integrierender Planungsansatz sowohl zur Bestands- und Potenzialanalyse als auch im Hinblick auf die Ableitung von Umsetzungszielen und –maßnahmen verfolgt. Neben diesen klima- und energiefachlichen Fragestellungen gewinnen gesellschaftliche Mitsprache- und Informationsbedarfe seit Jahrzehnten ebenso an Bedeutung – insbesondere in den letzten drei Jahren beobachten Experten eine regelrechte „Welle der Bürgerbeteiligung“, um Bürger frühzeitig und transparent in Planungen und Projekte einzubeziehen.

In diesem Anforderungsgeflecht bewegen sich sämtliche lokale Aktivitäten zum Klimaschutz und zur Energiewende. Dieser Artikel richtet den Fokus auf die Frage, wie ein solcher Prozess erfolgreich vor Ort initiiert, organisiert und umgesetzt werden kann und welche Rolle dabei kommunale Instrumente wie Energie- und Klimaschutzkonzepte spielen können. Hierzu werden die Erfahrungen und wesentliche Bausteine zur Erarbeitung und Umsetzung des „Integrierten Klimaschutz- und Klimaanpassungskonzeptes der Gemeinde Saerbeck“ skizziert (IKKK, 2009).

Auf dem Weg zur klimaneutralen Kommune
Mit dem Titel „Auf dem Weg zur klimaneutralen Kommune“ wird bereits ein wichtiger Aspekt für die Umsetzung von klima- und energiepolitischen Maßnahmen verdeutlicht – es handelt sich um einen fortlaufenden, kontinuierlichen Entwicklungsprozess. Um diesen Prozess allerdings zielgerichtet angehen zu können, ist zunächst die Entwicklung einer konkreten Zielsetzung erforderlich. In der Gemeinde Saerbeck wurde deshalb im Sommer 2008 eine wichtige Weichenstellung für die zukünftige Ausrichtung der örtlichen Klimaschutzpolitik vorgenommen und das Ziel der „Klimaneutralität bis 2030“ formuliert. Hiernach soll bis zum Jahr 2030 die lokale Energieversorgung auf regenerative Energien umgestellt werden, um damit einen „nachhaltigen und umfassenden Beitrag zum Klimaschutz zu leisten“. Politisch wurde hierzu ein Beschluss von der Gemeinde Saerbeck gefasst, der zugleich in die regionale Klimaschutzstrategie des Kreises Steinfurt – „Zukunftskreis Steinfurt – energieautark 2050“ – eingebettet ist. Maßgebend für die Ziel- und Strategieentwicklung war ferner die Formulierung des Leitbildes „Klimakommune SaerbeckPlus 2030 – positive Energiebilanz zu Gunsten regenerativer Energien“ direkt zu Beginn, um eine ausreichende Orientierung für die zukünftigen Aktivitäten, Maßnahmen und Projektideen zu geben.

Leitbild der Gemeinde Saerbeck: „Die Gemeinde beabsichtigt, die Kompensation sämtlicher fossiler CO2-Emissionen zur Sicherung einer positiven Energiebilanz auf der Basis regenerativer Energien bis zum Jahr 2030 zu erreichen (bilanzielle Autarkie). Die Steigerung der Energieeffizienz sowie die Umsetzung nachhaltiger Anpassungsmaßnahmen sichern eine klimagerechte Gemeindeentwicklung und eine hohe Lebensqualität in Saerbeck.“ (IKKK, 2009)

Bereits durch die Formulierung des Leitbildes wird der integrative Ansatz des Konzeptes verdeutlicht. Die Zielsetzung (inkl. Zwischenziele), das Leitbild sowie die Ableitung von insgesamt sieben Handlungsfeldern mit rund 150 Einzelmaßnahmen bilden ein solides Grundgerüst für die Umsetzung des Konzeptes. Ein wichtiges Etappenziel konnte fünf Jahre nach Projektstart erreicht: In Saerbeck wird mehr Strom aus erneuerbaren Energien erzeugt, als insgesamt vor Ort verbraucht wird.

Transparenz durch frühzeitige Beteiligung
Den Weg Saerbecks zur klimaneutralen Kommune beschreibt das Integrierte Klimaschutz- und Klimaanpassungskonzept (IKKK). Dieses wurde unter breiter Einbindung von lokalen Akteuren erarbeitet und umweltpädagogisch begleitet. Hierzu zählten insbesondere lokale Institutionen und Unternehmen, Vereine und Verbände sowie engagierte Bürger, sodass eine frühzeitige und breite Beteiligung bereits zum Zeitpunkt der Konzeptentwicklung gewährleistet werden konnte. Umgesetzt wurden eine Reihe von Informationsveranstaltungen wie die „Saerbecker Klimagespräche“ und Informationsstände (z.B. bei öffentlichen Festen). Daneben wurden verschiedene thematische Workshops und eine „Ideen-Börse“ durchgeführt, um Vorschläge, Ideen und Anregungen der Öffentlichkeit frühzeitig in den Gesamtprozess zu integrieren. Ergänzt wurden diese Aktivitäten durch eine Internet-Plattform und einen Newsletter zu den aktuellen Aktivitäten vor Ort. Außerdem wurden weitere Formate wie regelmäßig stattfindende Energieberatungen und Energiestammtische etabliert. Ein wichtiger Baustein ist zudem die begleitende Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit, um Projekte und fachliche Zusammenhänge für die Öffentlichkeit transparent und nachvollziehbar zu machen (siehe Leitprojekt 2). In diesem Zusammenhang spielt insbesondere die „Gläserne Heizzentrale“ in Saerbeck als Ort der Kommunikation und des Austauschs eine bedeutende Rolle. Ein Beleg für die erfolgreiche Einbindung der Bürgerinnen und Bürger kann in der Gründung der Energiegenossenschaft „Energie für Saerbeck eG“ gesehen werden, mit der „jeder Bürger den Weg Saerbecks nicht nur ideell, sondern auch finanziell begleiten“ kann. In der begleitenden Bürgerbeteiligung wird ein „Schlüssel zum Erfolg des Saerbecker Weges“ gesehen. (siehe Klimakommune Saerbeck)

Fahrplan mit drei Leitprojekten
Die vielfältigen Aktivitäten zur Erarbeitung des Konzeptes wurden organisatorisch und fachlich durch ein Expertengremium begleitet. Im Ergebnis bildet das IKKK einen umfassenden Fahrplan mit sieben Handlungsfeldern und insgesamt 150 Einzelmaßnahmen. Die Handlungsfelder sind eng aufeinander abgestimmt und reichen von der Nutzung erneuerbarer Energien in einem Bioenergiepark bis hin zur finanziellen Beteiligung der Bürger (z.B. Bürgerwindrad). Den Startpunkt dazu stellen drei Leitprojekte dar, um die Entwicklung in Richtung des gesteckten Ziels zu bestreiten.

Leitprojekt 1: „Saerbecker Sonnenseite“ – Impulse durch Informationen
Energie sparen, Ressourcen effizient nutzen und regenerative Energieträger einsetzen – dies ist der Ansatz des Leitprojektes „Saerbecker Sonnenseite“. In diesem Leitprojekt stehen die bestehenden Gebäude sowie deren Möglichkeiten, Energie einzusparen und erneuerbare Energien zu nutzen, im Fokus. In Kooperation mit der örtlichen Gesamtschule wurden für die privaten Gebäude des Dorfes die Potenziale zur Solarenergienutzung und geeignete Dachflächen für die Nutzung der Sonnenenergie ermittelt. Durch Befragung der Saerbecker Haushalte konnten auch Energieverbrauchsstrukturen bestehender Gebäude erhoben (Fragebogenaktion) und gezielt Förder- und Energieberatungen angeboten werden. Mit diesem Leitprojekt konnten wichtige Impulse gesetzt werden, sodass zahlreiche Bürger ihre Gebäude unter energetischen Aspekten sanierten und Solaranlagen errichteten. Auf den Dächern der Saerbecker Bürger waren im März 2014 rund 440 Photovoltaikanlagen (9.900 Kilowattpeak) installiert.

Leitprojekt 2: „Saerbecker Einsichten“ – Zukunftsenergien transparent gemacht
Unter dem Titel: „Saerbecker Einsichten – Zukunftsenergien transparent gemacht“ werden die Themen Energiegewinnung, Energieeinsparung und Klimaschutz sichtbar und begreifbar gemacht. Herzstück des Leitprojektes bildet die „Gläserne Heizzentrale“. Hinter der Glasfassade arbeiten zwei Holzpellet-Heizkessel, die alle gemeindlichen Gebäude im Schul- und Sportzentrum mit Wärme versorgen. Die Gläserne Heizzentrale aber ist noch mehr: Sie ist zur Informationsplattform und zur Kommunikationsdrehscheide geworden für alle Fragen rund um Klimaschutz, Klimaanpassung und die Nutzung erneuerbarer Energien. Außerdem beginnt hier der „Energie-Erlebnispfad“. Er führt am Nahwärmenetz entlang und informiert an insgesamt zehn Stationen über Erneuerbare Energien, Energieeffizienz und Energieeinsparung. So gibt z.B. der „Gläserne Bürgersteig“ Einblicke in den Verlauf der Nahwärmetrasse und veranschaulicht die Funktionsweise einer dezentralen Wärmeversorgung. Der Rundweg zeigt ferner konkrete Handlungsmöglichkeiten zur Energieeinsparung, zur Effizienzsteigerung sowie zum Klimaschutz und zur Klimaanpassung auf.

Leitprojekt 3: „Steinfurter Stoffströme“ im Bioenergiepark Saerbeck
Das Leitprojekt „Steinfurter Stoffströme“ veranschaulicht die Nutzung von Synergieeffekten im Bereich der regionalen Stoffströme und Wertschöpfungsketten. Im Mittelpunkt steht hierbei der Bioenergiepark Saerbeck, den die Kommune auf dem Gelände eines ehemaligen Munitionsdepots seit 2011 entwickelt (90 ha). Auf dem Gelände wird ein in der Form einzigartiger Nutzungsmix aus regenerativer Energien mit sieben Windenergieanlagen (á 3 MW), zwei Biogasanlagen, einer Bioabfallbehandlungsanlage mit Vergärungsstufe sowie einem 6 Megawattpeak großen Photovoltaikpark auf den ehemaligen Bunkerwällen betrieben. Die Biogasanlage (NaWaRo und Gülle) sowie eine Kompostierungsanlage des Landkreises bilden die Grundlage für ein regionales Stoffstrommanagement. Weitere Projekte wie z.B. die Speicherung regenerativ gewonnen Stroms sowie die geothermische Nutzung des Depots sind derzeit in Planung. Auch zeigt der Bioenergiepark anhand eines ausgedehnten, nicht frei zugänglichen Bereichs im Norden des Parks (25 ha), der der Natur als Rückzugsraum erhalten bleibt, dass sich Klima- und Naturschutz nicht ausschließen, sondern ergänzen können. Als formelles Instrument zur verbindlichen Sicherung wurde ein Bebauungsplan für den „Bioenergiepark Saerbeck“ aufgestellt. Der Bioenergiepark leistet einen wichtigen Beitrag dazu, die Energieversorgung Saerbecks bis spätestens zum Jahr 2030 auf regenerative Energien umzustellen.

Fazit: Vom Leitbild zur erfolgreichen Umsetzung
Das Integrierte Klimaschutz- und Klimaanpassungskonzepte der Gemeinde Saerbeck stellt die strategische Grundlage für die Ausrichtung und Umsetzung der lokalen Klimaschutzpolitik in Saerbeck dar. Gerade dieser integrierende und partizipative Ansatz kann dazu beitragen, dass lokale Aktivitäten erfolgreich umgesetzt werden können. In Saerbeck hat sich gezeigt, dass die Öffentlichkeit hinter den gesteckten Zielen steht, was wiederum für die Umsetzung der einzelnen Maßnahmen von entscheidender Bedeutung gewesen ist. Bereits mit dem Prozess zur Entwicklung des Konzeptes wurde hierfür ein entscheidender Grundstein gelegt. Auf der einen Seite konnte die Notwendigkeit der einzelnen Maßnahmen und die damit verbundenen Entscheidungen transparent und nachvollziehbar gemacht werden. Auf der anderen Seite führte die frühzeitige Einbindung der unterschiedlichen Akteure dazu, dass sich diese aktiv einbringen und sich damit auch stärker mit den sich anschließenden Entwicklungen identifizieren konnten. Das informelle Instrument des Klimaschutz- und Klimaanpassungskonzeptes bietet dabei eine umfassende Gesamtstrategie, wobei das Leitbild sowie das übergeordnete Ziel der „Klimaneutralität bis 2030“ eine handlungsleitende, motivierende und strukturierende Funktion zukommt. Neben der Umsetzung von drei Leitprojekten, stellt die erfolgreiche Bürgerbeteiligung einen wichtigen Schlüssel zum Erfolg des Konzeptes dar.

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Bildnachweis: © J.-H. Janßen/commons.wikimedia.org

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