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Paderborn: Rotmilan-Bestände bleiben neben Windenergie konstant

 

Die Paderborner Hochebene ist ein wichtiger Standort für die Windenergie. Zugleich kommt hier der streng geschützte Rotmilan am häufigsten in Nordrhein-Westfalen vor. Seit 2010 verfolgt die Biologischen Station Kreis Paderborn-Senne hier regelmäßig die Entwicklung der Greifvogel-Bestände. Die jüngste Jahresuntersuchung zeigt: Das Vorkommen der Rotmilane im Landkreis Paderborn bleibt trotz des Windenergieausbaus konstant. Ein eindeutiger Rückschluss auf die Entwicklung des Gesamtbestands ergibt sich daraus noch nicht.

Der Ausbau der Windenergie in Nordrhein-Westfalen im letzten Jahr verzeichnet Rekordzahlen. 208 neue Windräder wurden 2016 errichtet. Gemessen an der installierten Leistung hat sich damit die Windenergienutzung im Vergleich zum Jahr 2010 versechsfacht. Damit hat sich NRW an die Spitze der Binnenlandstandorte geschoben. Weitere 260 Anlagen sind bereits genehmigt worden. Schwerpunkt des Windenergieausbaus ist neben dem Münsterland der Landkreis Paderborn. 472 Windenergieanlagen erzeugen hier aktuell klimaschonend Strom. Zugleich ist in der offenen, mit Gehölzinsel durchzogenen und vorwiegend ackerbaulich genutzten Landschaft der streng geschützte Rotmilan besonders stark verbreitet. NRW-weit kommt der rostrot gefiederte Jäger hier am häufigsten vor.

Wie sich die Windenergienutzung auf die Rotmilan-Population in der Region auswirkt, verfolgt die Biologische Station Kreis Paderborn-Senne in einer langfristig angelegten Bestandsdokumentation. Seit 2010 kartiert und kontrolliert der Naturschutz-Verein jährlich die Rotmilan-Reviere, erfasst Horst-Standorte und führt Bruterfolgskontrollen durch. „Unsere jährliche Bestandskartierung trägt dazu bei, langfristig ein genaueres Bild über die Entwicklung der lokalen Population des Rotmilans zu zeichnen“, sagt Karsten Schnell, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Biologischen Station und Koordinator des Rotmilan-Projekts.

In der Forschungslandschaft könnte eine solche Langzeitbetrachtung mehr Klarheit in der Diskussion um die Folgenabschätzung der Windenergienutzung auf die Artenentwicklungen schaffen, die in Fachkreisen kontrovers geführt wird. „Angesichts der gegenwärtigen Studienlage ist ein mehrjähriger Untersuchungszeitraum hilfreich, um eine solide Aussage über die längerfristige Entwicklung einer lokalen Rotmilan-Population im Umfeld von Windenergieanlagen machen zu können“, sagt Verena Busse, Artenschutzexpertin bei der EnergieAgentur.NRW. „Aussagen über mögliche Wirkungszusammenhänge, die auf kurzzeitigen Erhebungen und Hochrechnungen basieren, laufen Gefahr, zeitliche und räumliche Dynamiken nicht zu erfassen.“ Punktuelle Einflussfaktoren wie etwa anhaltende Schlechtwetterperioden, ein Rückgang des lokalen Nahrungsangebots oder ein Verlust von Horstbäumen durch Holzeinschlag könnten dabei überbewertet werden.

Die gegenwärtige Studienlage liefert trotz vieler Forschungsfortschritte noch keine eindeutige Antwort auf die zentrale Frage in der Kontroverse über die Effekte der Windenergienutzung auf den Rotmilan: Kann die Gesamtpopulation die Schlagopfer an Windenergieanlagen, die zu illegaler Verfolgung, Verkehrsunfällen oder Kollisionen mit Stromleitungen hinzukommen, unter Berücksichtigung der normalen Schwankungen infolge von Witterung und Nahrungsangebot insgesamt verkraften oder nicht? Die jüngste Zählung der Rotmilan-Reviere im Landkreis Paderborn im vergangenen Jahr liefert dazu einen weiteren Mosaikstein. Die kürzlich veröffentlichte Jahresuntersuchung 2016 zeigt: Das Vorkommen der Rotmilane im Landkreis Paderborn bleibt trotz des Windenergieausbaus konstant. „Wir haben als territoriale Saisonpopulation 72 Reviere gezählt, davon 46 mit Brutnachweis. Das entspricht jeweils dem Niveau der letzten Jahre und liegt im Mittel der seit 2010 erfassten Zahlen“, fasst Schnell die Ergebnisse zusammen.

Für die Betreiber von Windenergieanlagen in der Region liest sich das wie eine gute Nachricht. Der Untersuchungsbericht macht jedoch deutlich: „Im Gesamtbestand lässt sich nach wie vor kein Entwicklungstrend im Bestand des Rotmilans ausmachen.“ Die Kartierungsergebnisse seien lediglich ein Gradmesser für die Bestandsentwicklung, erklärt Schnell. „Sie erlaubt jedoch noch keine soliden Aussagen zu den Ursachen einer bestimmten längerfristigen Entwicklung.“ Dafür müsste eine Reihe von Aspekten wie etwa die Besetzung freiwerdender Reviere durch Zuzug von Tieren aus anderen Regionen, die Zahl rastender Tiere auf dem Durchzug, die Entwicklung der Jungvögel, Abwanderungen und die Entwicklung des nicht brütenden Bestands im langfristigen Monitoring weiterhin erfasst und ausgewertet werden.

„Um den Einfluss des Windenergieausbaus auf den lokalen Rotmilan-Bestand beschreiben zu können, braucht es letztlich aber verlässliche Zahlen und exakte Kartierungsdaten über Schlagopfer“, sagt Schnell. Hier helfe nur eine systematisch durchgeführte, langfristig angelegte Suche nach verunglückten Greifvögeln im Bereich von Windparks weiter. Anders lässt sich das Kollisionsrisiko nicht erfassen. Während im Fall von Fledermäusen an den Windenergieanlagen installierte Detektoren die Flugaktivitäten aufzeichnen, die Grundlage für eine entsprechende Abschaltung der Anlagen sind, gibt es solche technischen Hilfsmittel für Greifvögel in diesem Maße momentan noch nicht. Um statistisch relevante Resultate zu erhalten, ist eine tagtägliche Kontrolle des Gebiets unter den Anlagen über einen langen Zeitraum notwendig. Das ist nicht nur enorm aufwändig, sondern auch teuer.

Um Bestandsveränderungen zeitnah zu registrieren und als Planungshilfe für die Behörden zur Verfügung zu stellen, um mit gezielten Maßnahmen reagieren zu können, will die Biologische Station Kreis Paderborn-Senne die Rotmilan-Bestandsdokumentation weiter fortsetzen. Wurde das Projekt in der Vergangenheit von Windenergieanlagenbetreibern in der Region im Rahmen der Nebenbestimmungen für den Artenschutz finanziert, werden die Mittel für die Fortführung der Langzeituntersuchung nun vom Landkreis Paderborn getragen.

Bildnachweis: Biologische Station Kreis Paderborn-Senne/Christian Venne

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