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Windenergie im Wald: Weiteres Forschungsvorhaben empfiehlt Schutz für Fledermäuse

 

Mit dem Vordringen der Windenergienutzung auf Waldflächen beschäftigt sich die Forschung zunehmend mit der Lebensraumsicherung von Fledermäusen beim Bau und Betrieb von Windrädern im Wald. Das Bundesamt für Naturschutz hat jüngst als Ergebnis eines Forschungsvorhabens Empfehlungen zum Schutz verschiedener waldbewohnender Fledermausarten veröffentlicht.

Fledermäuse sind nach dem Bundesnaturschutzgesetz besonders und streng geschützt. Manche der 25 in Deutschland heimischen Arten gelten als stark gefährdet. Viele nutzen den Wald als Jagd- und Paarungsgebiet, als Winterquartier oder als Wochenstube für die Aufzucht ihrer Jungen. Fledermausarten wie die Bechsteinfledermaus oder die Mopsfledermaus, die fast ausschließlich auf den Wald als Lebensraum angewiesen sind, sind bereits durch die forstwirtschaftliche Nutzung der Wälder in ihrem Bestand bedroht. Eine weitere Beeinträchtigung der Arten könnte durch die Windenergienutzung im Wald hinzukommen.

„Wenn an Waldstandorten Windenergieanlagen geplant werden, sind dort daher bereits im Vorfeld intensive Voruntersuchungen unumgänglich, da immer mit einem Vorkommen von Fledermausarten zu rechnen ist“, sagt Beate Jessel, Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutz (BfN). Um gezielte artspezifische Schutzmaßnahmen zu entwickeln und so das Vordringen der Windenergienutzung in den Wald naturverträglich zu gestalten, sei ein genaues Wissen um die waldbewohnenden Arten und ihren Ansprüchen wichtig.

Wie kann das Gefährdungsrisiko gemindert werden?
Bislang sind noch viele Forschungsfragen zur Ökologie und zur Verbreitung verschiedener Fledermausarten offen, um Windenergievorhaben in Wäldern in Bezug auf die spezifischen Auswirkungen besser beurteilen zu können. Zum Teil lässt sich das Wissen aus Forschungsvorhaben wie RENEBAT, das sich mittlerweile in der dritten Phase dem Fledermausschutz bei der Windenergienutzung widmet und Vermeidungsmaßnahmen im Offenland entwickelt und überprüft, auf Waldstandorte übertragen. Trotz zahlreicher Einzelstudien etwa zum Großen Abendsegler, die das Wissen um das Verhalten einzelner Arten im Umfeld von Windenergieanlagen zu verbessern suchen, weiß man bis jetzt nur wenig über die spezifischen Auswirkungen von Windenergieanlagen auf waldbewohnende Fledermausarten. Erst im vergangenen Jahr hatte eine Forschungsgruppe nach einem mehrjährigen Bau- und Betriebsmonitoring im Wald in Bezug auf Fledermäuse weitergehende Untersuchungsbedarf festgestellt. Insbesondere artenspezifische Datenerhebungen waldbewohnender und windenergiesensibler Fledermäuse seien nötig, um die Gefährdung der Tiere durch die Windenergienutzung in ihrem Lebensraum gezielt zu verringern.

BfN-Empfehlungen zur Erstellung von Waldfledermausgutachten und Schutzmaßnahmen
Jetzt hat das BfN als Ergebnis eines vom Umweltbundesministerium geförderten Forschungsvorhabens Empfehlungen für die Erfassung von verschiedenen Fledermausarten und für die Ableitung von gezielt auf die Aktivitäten einer Art zugeschnittenen Schutzmaßnahmen beim Bau und Betrieb von Windenergieanlagen im Wald veröffentlicht. Im Fokus der Empfehlungen stehen unterschiedliche Methoden der Voruntersuchung eines geplanten Anlagenstandorts. Betont wird die Notwendigkeit, frühzeitig während der Planungsphase festzustellen, ob an einem geplanten Standort und im näheren Umkreis Fledermäuse auftreten und um welche Arten es sich dabei konkret handelt. Ein zweiter Schwerpunkt sind artspezifische Schutzmaßnahmen. Sie stellen sowohl auf die Lebensraumsicherung als auch auf die Kollisionsvermeidung ab. Je nach Fledermausart können unterschiedliche Ansätze angezeigt sein: vom zeitweisen Abschalten von Anlagen über die Berücksichtigung von Abständen zwischen den Rotoren und dem Dach der Baumkronen bis zum Schutz alter Waldbestände.

Artspezifische Metastudien als Grundlage
Grundlage der Empfehlungen ist eine Auswertung der bestehenden Forschungsliteratur. Weil der Wissensstand in Bezug auf einzelne Fledermausarten noch lückenhaft ist und sowohl Verhaltensweisen wie auch entsprechende Ansprüche an den Lebensraum je nach Art deutlich voneinander abweichen, fußen die Empfehlungen auf verschiedene Fallstudien. In mehreren Metastudien, die mit einer Laufzeit von vier Jahren zwischen 2012 und 2016 angestellt worden sind, wurden die Verbreitungsdaten und Aktivitäten von Mopsfledermaus, Zwergfledermaus und der Kleine Abendsegler in einer automatischen Dauermessung erfasst. Dafür wurden akustische Daten in verschiedenen Höhen in fünf, 50 und 100 Meter über Grund aufgezeichnet und ausgewertet. Die Daten liefern ein genaueres Bild über Wochenstubenvorkommen, Höhenaktivitäten, Quartiers- und Raumnutzung der Fledermausarten.

Bei der stark gefährdeten Mopsfledermaus etwa ergaben die Messungen, dass für diese Art das Risiko einer Kollision mit den Rotorblättern vergleichsweise gering ist, insbesondere wenn ein Abstand von mindestens 50 Meter zwischen Kronendach und Rotorunterkante eingehalten wird. Stattdessen werde die vor allem im Wald verortete Mopsfledermaus besonders durch den Verlust ihrer Lebensräume gefährdet. Für diese Art seien ausreichende Abstände zwischen dem Windenergieanlagenstandort und den Quartieren ausschlaggebend.

Quartiersschutz und Kollisionsminderung
Weil der Quartiersschutz für alle Fledermausarten gilt, empfiehlt der BfN-Leitfaden den Ausschluss von Bauvorhaben in besonderen Lebensräumen wie über 100 Jahre alten Laub- und Laubmischwäldern, naturnahen Nadelwäldern mit erhöhtem Quartierpotenzial sowie Wäldern in Natura 2000-Gebieten. Wurden in der Voruntersuchung Fledermausquartiere festgestellt, sollte ein Abstand von mindestens 200 Metern als Puffer eingehalten werden. Einige Leitfäden der Bundesländer empfehlen abweichend teilweise auch größere Abstände.

Für solche Fledermausarten wie der Kleine Abendsegler, der häufig im freien Luftraum unterwegs ist und daher besonders durch die Rotoren gefährdet ist, empfiehlt der BfN-Leitfaden an Standort und Technik angepasste Abschaltungen der Windenergieanlagen, um die Kollisionsgefahr deutlich zu mindern. Je nach Fledermausart sei eine Erhöhung der derzeit in der Praxis üblichen Abschaltzeiten im ersten Betriebsjahr erforderlich. Ab dem zweiten Betriebsjahr seien die im Forschungsvorhaben RENEBAT entwickelten anlagenspezifischen, jahres- und tageszeitorientierten Abschaltalgorithmen als effektiv einzustufen. Diese Betriebszeiten sollten durch ein Gondelmonitoring weiter optimiert werden.

Die Empfehlungen sind in der Schriftenreihe „Naturschutz und Biologische Vielfalt“ erschienen. Der 400 Seiten umfassende Band „Fledermäuse und Windkraft im Wald“ enthält unter anderem Untersuchungen zur Höhenaktivität über dem Wald sowie zu ausgewählten Arten (Mopsfledermaus, Zwergfledermaus und Kleinabendsegler) und weitere Hinweise zur Erfassung sowie zu Vermeidungs- und Ausgleichmaßnahmen beim Bau von Windenergieanlagen in Wäldern.

Weiterführende Information:
Hurst, J., Biedermann, M., Dietz, C., Dietz, M., Karst, I., Krannich, E., Petermann, R., Schorcht, W. & Brinkmann, R. (Hrsg.) (2017): Fledermäuse und Windkraft im Wald. – Naturschutz und Biologische Vielfalt 153. Bonn-Bad Godesberg (Bundesamt für Naturschutz)
Bezug über www.buchweltshop.de/bfn

Bildnachweis: Barracuda1983/commons.wikimedia.org

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