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Was die PROGRESS-Studie für die Planungspraxis bedeutet: Dokumentation des Fachgesprächs der FA Wind liegt vor

Windenergieplanungen kollidieren häufig mit den Interessen des Artenschutzes. Die PROGRESS- Studie sollte helfen, die Debatte zu versachlichen. Ihre Ergebnisse sind aber in der Fachwelt umstritten und sorgen in der Planungspraxis für Unsicherheiten. Die Fachagentur Windenergie an Land hat deshalb die Forschungsnehmer der Studie zu einem Fachgespräch mit Vertretern aus der Naturschutz- und Planungspraxis geladen. Jetzt liegt die Dokumentation vor.

 

In der friesischen Gemeinde Zetel sorgt derzeit ein geplanter Windpark für Konflikte mit dem Artenschutz. Die drei geplanten Anlagen sollen nahe dem Naturschutzgebiet Herrenmoor gebaut werden. Durchziehende Kraniche und viele weitere heimische Vögel, darunter auch der geschützte Mäusebussard, kommen hier vor. Um dem Vogelschutz gerecht zu werden, müssten die Anlagen angesichts der räumlichen Nähe – bis auf wenige wetterbedingte Ausnahmen – pauschal vom 1. März bis zum 30. August von Sonnenaufgang bis -untergang abgeschaltet werden, argumentiert die Bürgerinitiative gegen den Windpark Herrenmoor. Rechne man die nächtlichen Abschaltzeiten zum Schutz von Fledermäusen von Mitte April bis Ende Oktober hinzu, stünden die Anlagen monatelang still. Die Politik müsse einsehen, dass die Fläche aufgrund der Gefährdung des Artenschutzes für einen Windpark ungeeignet ist, erklären die Naturschützer. Bürgermeister Heiner Lauxtermann verweist hingegen auf den Landkreis, der eine Genehmigung nach dem Bundesimmissionsschutzgesetz nach Satzungsbeschluss des Gemeinderats in Aussicht gestellt habe. Gegner des geplanten Vorhabens kritisieren, das den Planungen zugrunde liegende avifaunistische Gutachten weise erhebliche Lücken auf.

Naturschutzfachliche Belange bei der Windenergieplanung
Wie beim geplanten Windpark Herrenmoor bemängeln Naturschützer vielerorts, dass die Gutachten, die vorab klären sollen, welche gefährdeten Arten von dem Windenergievorhaben betroffen sein könnten, nicht umfassend genug ausfallen. Auch seien die Gutachter oft nicht wirklich unabhängig. Das begleitende Monitoring, das feststellen soll, ob die Auflagen zum Schutz der Vögel tatsächlich greifen, werde oftmals von den Betreibern der Anlagen in Auftrag gegeben.
Die konkrete Ausgestaltung der Auflagen für den Betrieb der geplanten Anlagen wird erst im Rahmen des immissionsschutzrechtlichen Genehmigungsverfahrens festgelegt. Dabei stehen insbesondere die Vorschriften des Natur- und Artenschutzrechts, aber auch des Bauplanungs- und des Raumordnungsrechts im Fokus. Für die Beurteilung des Vorhabens aus Sicht des Natur- und Artenschutzes stehen den Behörden in vielen Bundesländern Leitfäden hinsichtlich der anzuwendenden Methodik und Bewertung zur Verfügung. Dennoch bestehen häufig Unstimmigkeiten zwischen der Auslegung des wissenschaftlichen Erkenntnisstands und den jeweiligen Leitfäden, etwa bezüglich des Kollisionsrisikos verschiedener Greifvogelarten.

Forschungserkenntnisse sollen Klarheit für die Planungspraxis schaffen
Handlungsempfehlungen aus der Forschung sollen die Orientierung erleichtern. Das PROGRESS-Forschungsvorhaben hat als bislang umfassendste Feldforschung zu ermitteln versucht, in welchem Maße Windenergieanlagen mit ihren Rotoren den Fortbestand von naturschutzrechtlich streng geschützten Vogelarten wie Rotmilan und Mäusebussard gefährden. Dafür wurden über einen Zeitraum von drei Jahren in 46 norddeutschen Windparks Kollisionsraten von Vögeln an Windenergieanlagen ermittelt. Den Ergebnissen der Studie, die anfänglich vom Bundesumweltministerium, später durch das Bundeswirtschaftsministerium gefördert worden ist, wurde mit großer Erwartung entgegengesehen. Erste Teilerkenntnisse zu den populationsrelevanten Auswirkungen der Windenergienutzung auf den Mäusebussard, die schon im Vorfeld bekannt geworden waren, hatten in der Fachwelt für Furore gesorgt. Auch der im vergangenen Sommer veröffentlichte Abschlussbericht (wir berichteten), der die Ergebnisse zusammenfasst und daraus Empfehlungen zur Konfliktbeurteilung und -bewältigung im Zuge der Standortfindung für neue Windenergieanlagen ableitet, wird in der naturschutzfachlichen Praxis kontrovers diskutiert.

Hoher Aufwand, wenig Relevanz?
Der Studie zufolge ist der Bestand der meisten Vogelarten in Norddeutschland nicht durch die Windenergienutzung gefährdet. Allerdings hatte bezüglich des Rotmilans die Zahl der gefundenen Schlagopfer nicht ausgereicht, um eine belastbare Aussage zu treffen. Für den Mäusebussard hatten die Forscher Kollisionsraten ermittelt, die auf einen Bestandsrückgang schließen ließen; eine genaue Beobachtung dieser Greifvogelart sei daher geboten. Besondere Handlungsempfehlungen für die Planungsebene ergäben sich aus den gewonnenen Erkenntnissen gleichwohl nicht. Vogelarten, insbesondere Rotmilane und Mäusebussarde, würden in der derzeitigen Genehmigungspraxis von Windenergieanlagen angemessen berücksichtigt. Zum Schutz von betroffenen Arten seien vielmehr populationsstützende Maßnahmen und verstärkte Forschungsbemühungen zu empfehlen.

Bei Planern, Behörden, Betreibern und Naturschützern haben die PROGRESS-Ergebnisse viele Fragen aufgeworfen. „Obgleich die Studie interessante Beobachtungen liefert und methodisch einen großen Fortschritt darstellt, bleibt offen, welche naturschutzfachlichen Auswirkungen die Studie für die Planungspraxis hat. Kritisiert wird vor allem, dass viele grundlegende Aussagen zu den Greifvogelarten auf Prognosen und Hochrechnungen basieren“, sagt Verena Busse von der EnergieAgentur.NRW. Das Problem: Bei der Schlagopferzählung ist die Feststellung einer eindeutigen Kausalität zu einer Windenergieanlage wichtig, weil ein im Feld tot aufgefundener Vogel auch durch natürliche Umstände oder andere Ereignisse umgekommen sein kann. Die Hochrechnungsmethodik führt dazu, dass ein einzelner falsch zugeordneter Vogel die Prognose um hunderte vermeintliche Schlagopfer verfälschen kann. Auch sind die Flug- und Jagdaktivitäten eines Greifvogels jahreszeitlich unterschiedlich stark ausgeprägt. Wird ein Schlagopferfund aus Zeiten, in denen das Kollisionsrisiko höher ist, auf Zeiten hochgerechnet, in denen eine Kollision unwahrscheinlicher ist, führt die Annahme eines über das Jahr hinweg konstanten Kollisionsrisikos bei der Hochrechnung zu Verzerrungen. Schließlich spielen auch die Anlagentypen eine Rolle. Im Untersuchungsraum im Norden Deutschlands stehen viele ältere, schnell laufende Anlagen mit geringen Rotorhöhen. „Diskutiert wird auch die Übertragbarkeit der PROGRESS-Ergebnisse auf andere Regionen mit anderen naturräumlichen Gegebenheiten oder auf andere, neuere Anlagentypen mit größeren Höhen“, so Busse.

Fachgespräch mit den Forschungsnehmern
Die Fachagentur Windenergie an Land (FA Wind) hat auf die Verunsicherung reagiert und im November vergangenen Jahres die PROGRESS-Forschungsnehmer zu einem Fachgespräch gebeten, um vor 150 Teilnehmern das methodische Vorgehen zu erörtern und Schlussfolgerungen für die naturschutzfachliche Praxis zu ziehen. Ziel der Tagung war es, die neuen Erkenntnisse zu diskutieren und hinsichtlich ihrer Relevanz für die Planungspraxis zu bewerten, um auf diese Weise der Verunsicherung von Behörden, Planern, Betreibern und Naturschützern zu begegnen. „Die Lösung kann nicht sein, Klimaschutz und Artenschutz gegeneinander auszuspielen, sondern wir müssen immer versuchen, Schutzbemühungen im Zusammenhang zu sehen und den Weg einer nachhaltigen Entwicklung gemeinsam zu gehen“, sagte FA Wind-Geschäftsführer Axel Tscherniak bei der Einführung in die Veranstaltung.

Jetzt liegt die Dokumentation der Fachveranstaltung vor. Darin werden die drei Fachvorträge von den Vertretern der Forschungsnehmer – Jan Blew von BioConsult SH, Professor Oliver Krüger, Inhaber des Lehrstuhls für Verhaltensforschung an der Universität Bielefeld, und Marc Reichenbach von der Arbeitsgruppe für regionale Struktur- und Umweltforschung (ARSU) – wiedergegeben. Nachzulesen sind auch die Ergebnisse der Podiumsdiskussion, bei der gemeinsam mit den Teilnehmern der Veranstaltung die möglichen Auswirkungen auf die Planungspraxis diskutiert wurden. Eine juristische Erörterung der rechtlichen Voraussetzungen für eine nachträgliche Anpassung von Genehmigungen aus Gründen des Artenschutzes schließt die Dokumentation ab.

Ergebnispapier fasst wesentliche Implikationen und Beurteilungen zusammen
Im Fachgespräch wurde bestätigt, dass die PROGRESS-Studie die meisten Vogelarten, die untersucht wurden, durch die Windenergienutzung nicht in ihrem Bestand gefährdet sind. Weil aber nur wenige Schlagopfer gefunden wurden, kommen die in der Studie angewandten statistischen Methoden bei der Beurteilung von geschützten Arten an ihre Grenzen. Somit können die berechneten Szenarien, die auf wissenschaftlicher Basis erstellte Trends darstellen und für die alle unbekannten Größen durch Annahmen ersetzt werden müssen, nur zu Aussagen führen, die mit vielen Unsicherheiten behaftet sind. Problematisch seien insbesondere die kumulativen Effekte, die der fortschreitende Ausbau der Windenergie bewirke. Deshalb müssten Belange des Arten- und Naturschutzes bei Windenergieplanungen künftig frühzeitig auf der obersten Planungsebene berücksichtigt werden statt auf der Ebene vieler einzelner Genehmigungsverfahren. Ferner müsse beim Ausbau – insbesondere hinsichtlich des Mäusebussards – vorhabenübergreifend auf populationsstützende Maßnahmen gesetzt werden. Auch bestünde hinsichtlich der Ursachenforschung für Kollisionen von Greifvögeln mit Windenergieanlagen noch weiterer Untersuchungsbedarf.

Fachagentur Windenergie an Land (2017): Windenergie und Artenschutz. Ergebnisse aus dem Forschungsvorhaben PROGRESS und praxisrelevante Konsequenzen.

Bildnachweis: © skeeze/pixabay

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